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italien im juli -eine unvollständige chronik

am donnerstag, dem 12. juli überschritten wir in der nähe von tarvisio die italienisch/österreichische grenze, um beim dort stattfindenden mano chau konzert eine theateraktion durchzuführen. dazu sollte es allerdings nicht kommen, da wir einige kilometer vor dem festivallgelände direkt in eine carabinbieri-starssensperre gerieten. allerdings glaube ich nicht, dass si wegen uns da standen, es wirkte eher so, als würden sie alle konzertbesucherInnen nach drogen durchsuchen.

jedenfalls hatten die carabinieri (fast alle in "demokluft") offensichtlich große freude an uns(nur der weisse bus, wir hatten uns unterwegs verloren...). wir mussten uns alle mit dem gesicht zum bus und ausgestreckten armen an den bus stellen. unsere sachen wurden untersucht, auch der bus wurde begutachtet. nachdem sie unsere pässe kontrolliert hatten, sagten sie zu einer der frauen, sie müsse mit ihnen auf den posten kommen. was mich wunderte war, dass es widerspruchslos akzeptiert wurde als sie "nein" sagte.... irgendwann kam dann noch ein drogenhund, der den bus be- und durchschnüffelt hatte -und natürlich nichts fand, wurden wir, mit der auflage, unser zeug müsse im bus bleiben, unter polizeischutz (vorne ein ziviauto mit blaulicht, hinten 3(!) wannen) zu einem parkplatz gebracht. dort bekamen wir dann noch 2 autos(ca 6 cops) zivilpolizei abgestellt, die uns die längste zeit nervten. als ich sie fotografierte, wurde mir meine camera abgenommen und der film (zuerst zurückgespult, wie freundlich) herausgenommen. als ich dann ihre autonummern (dienstnummern gaben sie nicht heraus) notierte und immer wieder sagte, ich werde sie dafür anzeigen, bekam ich den film nach etwa 15min zurück. schließlich fuhren dann einige von uns(2 blieben beim bus) mit dem shuttleservice zum festival, um dort die anderen zu treffen.

direkt nach dem konzert fuhren wir (mit dem bus) dann weiter richtung "la spezia", wo wir auf ein anarchistisches kulturfestival gegen den G8 eingeladen waren. die anderen fuhren zurück nach cesna kapla, da dort am freitag noch eine diskussion und ein multikulturelles fest mit kärntner slowenInnen stattfand. nachdem wir irgendwo gepennt hatten, erreichten wir am frühen freitag abend la spezia. dort angekommen machten wir uns, da unser zettel mit den telefonnummern unauffindbar war, auf die suche nach dem festival. wir landeten in irgendeinem kleinen dorf bei la spezia. dort hatten wir unseren nächsten kontakt mit carabinieri, die aber sehr freundlich zu uns waren und auf einem dort stattfindenden für uns nachfragten, ob wir dort erwartet werden. nachdem dies nicht so war, fuhren wir weiter und gelangten nach porto venere. dort entdeckten wir einen parkplatz für campingbusse, an dem wir stehen blieben. in la spezia gibt es einen riesen marinehafehafen, der genau bis zu diesem parkplatz reicht, dass uns dies nicht aufgefallen ist, wurde uns umgehend zum verhängniss. mit einbruch der dämmerung erschienen dann 2 polizei autos, und sie kontrollierten unsere pässe. plötzlich waren sie dann nicht mehr so freundlich und sagten, die frau, die bereits in tarvisio probleme hatte, dürfe nicht in italien sein und sie müsse mitkommen. nachdem wir kurz die sachen besprachen ging sie mit. wir informierten sofort die rechtshilfe, das grenztelefon und unsere leute in kärnten. etwa eine stunde nachdem die polizei mit der frau verschwunden war, kam plötzlich mehr polizei (ich weiss nicht, ob polizia, carabinieri oder polizia municipal, ich glaube, es waren verschiedene) und umstellte uns mit maschinenpistolen und –gewehren. unser bus wurde völlig ausgeräumt und durchsucht. interessant fanden die cops vor allem unsere helme und die orangen und weissen overalls. sie hielten mir die weissen unter die nase und meinten "tutti bianchi, tutti bianchi?!", worauf ich ihnen sagte, wir hätten verschiedene farben. irgendwann fanden sie dann unter der matratze 2 zettel mit telefonnummern und treffpunkten aus genoa(alles aus dem internet abgeschrieben), die sie sehr interessant fanden (obwohl überall am bus "no-border" plakate angebracht waren, auf denen groß und deutlich "genoa" stand). vermutlich zerstachen sie bei dieser gelegenheit alle unsere schläuche, was uns aber erst in genoa auffiel, als wir sie aufblasen wollten. als sie enttäuscht abzogen nahmen sie die zwei zettel, einen ordner mit unterlagen über die karavane und einen stock, mit dem wir die hintere türe verschlossen hatten, sowie den busfahrer (zur protokollniederschrift) mit. wir räumten daraufhin den bus wieder ein. etwa 3 stunden nachdem die cops die frau mitgenommen hatten, kamen die 2 zurück. sie sollte ursprünglich abgeschoben werden, dies war allerdings nicht möglich, da wir uns nicht an einer grenze befanden. dem busfahrer wurde ein protokoll mitgegeben, in dem stand, dass der bus nach waffen und sprengstoffen durchsucht und nichts gefunden wurde.

am näxten tag, schafften wir es dann gegen abend endlich mit den leuten aus la spezia kontakt aufzunehmen. wir trafen uns mit ihnen und besuchten den ersten teil des festivals in einem park, in dem konzerte und eine videoperformance stattfanden.

am sonntag führten wir dann, ebenfalls im rahmen des festivals, eine videotheaterperformance auf und kochten.

montag morgen wollten wir dann nach genoa, besser gesagt in ein dorf kurz davor abreisen. während wir auf ein auto warteten, dass in der werkstatt war, kamen neuerlich alle möglichen polizeieinheiten, durchsuchten uns und fahrzeuge und fertigten listen an. wir mussten etwa 2 stunden auf einen commsario der politischen polizei warten, um dann von ihm mitgeteilt zu bekommen, dass wir innerhalb der näxten 2 stunden die stadt zu verlassen hätten.

wir fuhren also los richtung genoa. irgendwann waren wir bereits im stadtgebiet, worauf wir uns einen ruhigen parkplatz suchen wollten, um erstmal die lage abzuklären. (es gab ja die wildesten gerüchte von abgedrehtem wasser, über geschlossene geschäft, bis zu blockierten handyfrequenzen, die sich alle nicht bestätigten) zufällig fuhren wir an einem camp der gruppe COBAS (eine vereinigung der centri sociali), in der via ciclamini, vorbei, die uns freundlich begrüssten. hier schlugen wir also unser lager auf.

montag, dienstag und mittwoch verliefen sehr ruhig. wir sahen uns die stadt, das convergent-center und das imc ((indy)media-center) an, trafen uns mit leuten und und holten infos ein. am mittwoch war basteltag. zusammen mit anderen kreativen leuten aus der ganzen welt, schufen wir requisiten und objekte für unsere gemeinsame aktion auf der demonstration für migrantInnenrechte am donnerstag. am abend gab es dann eine spontane strassenaktion am weg vom imc (dort wurde den ganzen tag gebastelt) zum convergent-center, wo ein manu chau konzert stattfand. wir stürmten, mit unseren orangen overalls und helmen verkleidet und mit spritzpistolen bewaffnet, das konzert. im konzertgelände verlangten wir von den besucherInnen papiere und suchten nach illegalen. die ganze zeit wurden wir von tv-kameras und fotografInnen begleitet.

am donnerstag trafen wir uns dann bereits am mittag mit den anderen leuten im imc, verkleideten uns dort und holten unsere schiffe, ufo’s, häuser und abschiebeknäste, um dann von dort geschlossen, als theatergruppe zum treffpunkt zu ziehen. bereits auf diesem weg wuchsen wir nach und nach zu einer demonstation an. am treffpunkt angekommen, gab es eine kurze aufführung von uns. es wurden, von den als polizei/uno gekleideten orange "verhaftet" und in die mobilen abschiebeknäste gesperrt. die orangen demonstrierten dagegen und befreiten die gefangenen, die "cops" wurden getortet und zurückgedrängt. am ende gelang es den orangen sogar, die aufgestellten grenzen zu durchbrechen, die hüterInnen des wohlstandes wurden vertrieben.

dann schlossen wir uns dem losziehenden demozug an und bildeten dabei einen grossen "theaterblock". nach anstrengenden stunden in der hitze und einer sehr friedlichen, lustigen und entspannten demo kamen wir zurück zum imc und deponierten dort unsere sachen.

ab freitag war dann alles anders. der tag stand unter dem motto "direct action day – civil disobedience day". es gab an verschiedenen orten von verschiedensten (von betenden christInnen über die pink-block bis zu anarchistInnen) gruppen demos. von der karavane hatten wir uns entschlossen am freitag und samstag keine aktionen durchzuführen um unser projekt nicht zu gefährden. die leute gingen also individuell (meist in gruppen) ihres weges. bereits am freitag war es unmöglich einen überblick über alle geschehnisse zu bekommen. so gut wie alle demos (ausser den christInnen??) wurden massiv von der polzei mit mit tränengas angegriffen, sobald sichtkontakt bestand. die cobas-demo, wurde beispielsweise bereits um kurz nach 12 uhr mittags von der polizei angegriffen und mit tränengas eingedeckt. die meisten banken und nobelschlitten, lagen in trümmern oder waren verbrannt. überall waren barrikaden oder überreste solcher. anscheinend zog der "schwarze block" an die 2 stunden ohne eingreifen der polizei durch die stadt. anscheinend wurden die bilder von brennenden autos und zerstörten banken benötigt um die brutalen polizeiangriffen in den folgenden 60 stunden zu rechtfertigen. dieser verdacht erhärtet sich umso mehr, als es hartnäckige berichte und gerüchte über eingeschleuste zivilbullen und von den bullen unterstützte neonazis gibt.

der endgültige knackpunkt am freitag war dann, als sich die erschiessung eines demonstranten durch die polizei herumsprach. die grosse demo am corso europa zog dann ins carlini stadion, wo die tutti bianchi waren, zurück. andere zogen zum convergent-center, meine gruppe beschloss ins imc zu gehen, um dort infos zu bekommen. dort angekommen war dann kurzzeitig die rede von bis zu 4 toten (u.a. eine frau, die von einem panzerwagen überrollt wurde...), die sich schliesslich – zum glück – nicht bestätigten. die stimmung hatte ihr erstes tief erreicht. es war sehr ruhig im imc, obwohl sehr viele leute dort waren. es wurde berichtet, dass viele gewehr-patronenhülsen am corso gefunden wurden. wir gingen danach auch zum infopoint, von wo aus wir dann zurück ins camp fuhren. das carlini-stadion war stundenlang von polizei umgeben, sodass die leute gezwungen waren, dort zu bleiben. angeblich wurden leute, die das stadion verliessen, verhaftet. bis spät in die nacht trafen dann alle unsere leute nach und nach ein.

am samstag mittag gingen dann die meisten von richtung stadt, wo sie sofort auf die grossdemonstration (2-300.000 menschen) stiessen. diese wurde auf der höhe des piazza kennedy auf der corsa italia plötzlich von der polizei massiv angegriffen und stundenlang mit tränengas eingenebelt (vom boden, aus der luft und vom meer aus). die demo wurde dadurch in zwei teile getrennt. als die bullen dann am piazza kennedy begannen mit räumpanzern zu stürmen, brach im unteren teil der demo panik aus. ettliche leute wurden von der polizei brutalst niedergeschlagen, leute sprangen in panik über meterhohe abhänge und zäune. auch demo-sanitäterInnen wurden verprügelt... der andere teil der demo hatte sich inzwischen hinter die gleise, richtung geplanter abschlusskundgebung (die demo war angemeldet und genehmigt!), zurückgezogen und in der bahnunterführung barrikaden errichtet. stundenlang schoss die polizei gas in die unterführung. die ganze stadt roch nach gas und feuer. überall waren tieffliegende hubschrauber. es war wie ein bürgerkriegsszenario. nach einiger zeit brach dann die polizei mit räumpanzern und wasserwerfern durch und hetzte die leute richtung berg. viele flohen in kleinen gruppen nach oben. die strasse beim piazza kennedy war inzwischen ruhig und voller blutlachen und schleifspuren. die polizei hatte ganze arbeit geleistet. 2 leute von uns waren vermisst. zuerst tauchte einer, der als sani unterwegs war auf. er hatte eine platzwunde am hinterkopf, ein blaues auge und war völlig grün und blau geschlagen. er wurde von der polizei niedergeknüppelt, als er verletzten helfen wollte. bei der aktion wurde ihm auch der pass abgenommen, den er nicht mehr bekam. in der nacht tauchte dann der zweite auf, er hatte ebenfalls eine kopfverletzung. er wurde mit einer tränengasgranate abgeschossen. die cops feuerten direkt auf kopfhöhe. er erzählte, dass er nachdem er verarztet wurde bei einer polizeikontrolle aufgrund seiner kopfverletzung mitgenommen und danach stundenlang am posten geprügelt und misshandelt wurde. er war in sehr schlechtem zustand... später verfolgten wir dann über gap, das freie radio in genoa, die stürmung des imc, bei der alles mögliche wahllos zerstört, kameras gestohlen und massenweise material mitgenommen wurde und das massaker in der schule diaz auf der anderen strassenseite. dort wurden die leute im schlaf, teilweise in schlafsäcke eingewickelt stundenlang von einer spezialeinheit halbtot geprügelt. 2 leute lagen danach im koma. fast alle waren schwer verletzt und wurden in verschiedene krankenhäuser eingeliefert. alle "leicht" verletzten wurden direkt verhaftet und mitgenommen. auf der polizeistation wurden sie dann weiter misshandelt, so mussten beispielsweise die frauen 9 stunden an der wand stehen (darunter eine mkt gebrochenem bein, die jedesmal, wenn sie umfiel, geprügelt wurde) und wurden in der zelle mit tränengas eingenebelt....

im camp bekamen die leute langsam angst. die polizei könnte ja auch hierher kommen. die meisten anderen camps waren bereits leer tausende menschen am weg nachhause. in unserem camp waren noch etwa 8-900 leute, darunter 750 griechInnen. es wurde eine nachtwache organisiert. am frühen morgen begannen dann die leute das camp zu verlassen. bis am mittag waren wir dann alleine dort (ca 25 leute) wir wurden davor gewarnt in die stadt zu gehen, da dort anscheinend die polizei wahllos leute verhaftet. zivibullen tauchten auf und wir beschlossen, die stadt so schnell wie möglich zu verlassen. ein auto fuhr ins imc um dort noch leute zu holen, die anderen fuhren los zu einem treffpunkt ausserhalb der stadt. dort verliessen wir dann die karavane und erfuhren am näxten tag in venedig von der verhaftung der anderen....

sicher ist, dass sich keine gefährlichen dinge in den fahrzeugen befanden, ausser jonglierkeulen, küchenutensilien, kostüme und ähnliches. die vorwürfe sind mehr als absurd.

no border – no nation – no prison

freiheit für ALLE gefangenen aus genoa!

aus TATblatt Nr. +171 (rapiditè Sonderausgabe nr. 08/01) vom 3.August 2001

 
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