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Wieder ein Toter rund um antikapitalistische Proteste

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Die Reihe der Toten im Zuge antikapitalistischer Proteste setzt sich weitgehend unbemerkt von einer breiteren Öffentlichkeit fort. Entgegen einer weiterverbreiten Wahrnehmung war, Carlo Guiliani in Genua nicht das erste Todesopfer der Polizeibrutalität bei jüngeren antikapitalistischen Protesten.

Schon im Juni dieses Jahres wurden die vier Studenten Steven Kil, Simon Noki, Mathew Pawen und Thomas Moruwo bei landesweiten Massendemonstrationen von StudentInnen, Gewerkschaften und BäuerInnen ermordet. Sie hatten gegen von Weltbank und IWF aufgezwungene Privatisierungen in Papua Neu Guinea. DemonstrantInnen wurden im Zuge der Proteste mehrfach von der Polizei, darunter vor allem von in Australien ausgebildeten Spezialeinheiten zur Aufstandsbekämpfung, angegriffen.

Den ersten Toten gab es dabei im Zuge eines Sit-Ins von einigen hundert StudentInnen vor dem Sitz des Premierministers in Papua Neu Guinea. Nachdem die StudentInnen dem Premier eine Petition mit ihren Forderungen übergeben hatten, stellte die anrückende Polizei den verbleibenden AktivistInnen ein Ultimatum, um die Versammlung nach dessen Ablauf mit Warnschüssen und Tränengasgranaten gewaltsam aufzulösen. Beim Rückzug der StudentInnen auf das Unigelände wurden diese wiederholt von Polizeieinheiten mit Schlagstöcken, Tränengas und Schusswaffen attackiert, mehrere DemonstrantInnen schwer verletzt, ein Demonstrant wurde ermordet. In den nächsten Tagen kam es zu weiteren Protesten und Massenstreiks bei denen die Polizei wiederum mit scharfer Munition in die Menge schoss. Auch hier wurden zahlreiche AktivistInnen in Arme und Beine getroffen und schwer verletzt. Zumindest drei weitere DemonstrantInnen wurden von der Polizei erschossen.

Ende September kam es nun zum nächsten Toten, als der 40jährige Bauerngewerkschafter Ramon Perez, der eine Gruppe von JournalistInnen durch Chapare, Bolivien, führte, von einer Militärpolizeieinheit erschossen wurde. Bereits zu Jahresbeginn war es im Coca-Anbaugebiet Chapare zu schweren Konflikten mit Militär- und Polizeikräften gekommen, die versuchen, im Zuge des amerikanischen Anti-Drogenkrieges die Anbaufelder der KleinbäuerInnen zu vernichten.

Die BäuerInnen im Chapare wehren sich gegen die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen. So haben sie für den 1. Oktober die systematische Blockade der Straße von Cochabamba nach Santa Cruz, der größten Stadt Boliviens, und anderer Transportwege angekündigt. Vor einem Jahr dauerte ein ähnlicher landesweiter Streik 1 Monate. Die Coca-PflanzerInnen planen nun eine erneute Radikalisierung der Mobilisierung.

Gegenüber einer lokalen Zeitung mutmaßte Regierungsminister Leopoldo Fernandez eine Verbindung zwischen der soeben beendeten Konferenz von People's Global Action, einem globalen Netzwerk antikapitalistischer Basisbewegungen, und dem erneuten Ausbruch der Konflikte im Chapare. Als Teil der Konferenz hatten die Teilnehmenden die Coca-PflanzerInnen im Chapare besucht und an einer Demo mit 25.000 AktivistInnen teilgenommen. Die BäuerInnen fordern einen Stopp der Zerstörung der Coca-Pflanzen und die Freilassung von drei Bauern, denen die angebliche Ermordung von Soldaten und Polizisten vorgeworfen wird. Unter dem Vorwand der Drogenbekämpfung wurde das Gebiet des Chapare mit US-amerikanischer Unterstützung militarisiert und der Coca-Anbau bekämpft. Die beliebte Kaupflanze wird für die Herstellung von Tee und Medizin verwendet. Der Preis anderer Anbaupflanzen ist derart tief, dass die BäuerInnen nur mit dem Anbau von Coca überleben können, dessen Preis in den vergangenen Jahren stabil geblieben ist.

Bei dem jüngsten Übergriff schossen die Soldaten ohne Vorwarnung und warfen Tränengasgranaten auf die Gruppe. Erst als der Gewerkschafter von einer Gewehrkugel getroffen wurde und ein Journalist eine weiße Fahne hochhielt und um Hilfe für den Verletzten bat, hörten die Schüsse auf. Die Soldaten riefen einen Helikopter herbei, Ramon Perez verstarb jedoch beim Transport ins Krankenhaus. Evo Morales, Vertreter der Coca-PflanzerInnen und Abgeordneter, machte in einer ersten Stellungnahme Regierungspräsident Jorge Quiroga und dessen Kabinett für den Tod des Bauern verantwortlich. Er warf dem Präsidenten vor, gleichzeitig um sozialen Waffenstillstand zu bitten und mit Gewehrkugeln den Protest der Coca-PflanzerInnen zu unterdrücken.

aus TATblatt Nr. +175 vom 12. Oktober 2001

 
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